Bericht über die Fortbildung
Der Beitrag der Waldorfpädagogik zum Mathematikunterricht an der Grundschule
(in der Reihe «Der Mathematikunterricht in der Grundschule im Dialog der Reformpädagogiken»)
- Schuberth,
Ernst: Der Anfangsunterricht in der Mathematik an Waldorfschulen,
Stuttgart (Verlag Freies Gesistesleben) 2001 (2. Auflage).
- Dréwniok,
Monika: Förderlehrertagung »Rechnen in Bewegung«, in: Erziehungskunst
– Zeitschrift zur Pädagogik Rudolf
Steiners, Heft 2, Februar 1998.
- Kniebe,
Georg: Rechnen in Rhythmen, in: Erziehungskunst
– Zeitschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners, Heft 7/8,
Juli/August 1994.
- Schmelzer,
Albert: Rhythmen lassen
leichter lernen, in: Erziehungskunst
– Zeitschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners, Heft 9,
September 2007.
- Mc
Allen,
Audrey: Die Extrastunde,
Stuttgart (Verlag Freies Geistesleben) 2004 (4.
Auflage)Zeichen- und
Bewegungsübungen für
Kinder mit
Schwierigkeiten im Schreiben, Lesen und Rechnen.
- Kranich / Jünemann / Berthold-Andrae / Bühler / Schuberth: Formenzeichnen - Die Entwicklung des Formensinns in der Erziehung (= Menschenkunde und Erziehung 47). Stuttgart (Verlag Freies Geistesleben) 1985.
Bericht
über das Seminar für
Erzieherinnen in
Plopi (Rumänien / Westkarpaten) vom 16. bis 22. August 2009
Waldorfpädagogik
für Erzieherinnen in Rumänien
Das fünfte Seminar für
Erzieherinnen aus
städtischen Waisenheimen in Klausenburg (Cluj-Napoca) hat vom 16. bis
22.
August 2009 stattgefunden. Veranstaltungsort war wieder das in Plopi
(Westkarpaten) gelegene und nach seinem 2007 verstorbenen Begründer
benannte
„Kulturzentrum Zoltàn Labancz“ (www.westkarpaten.de).
Zoltàn Labancz, der als junger Mathematiklehrer in
dem nahe gelegenen Dorf Valea Ierii unterrichtete, hatte das in knapp
1.000
Metern Höhe am steilen Berghang gelegene Plopi mit seiner kraftvollen,
ursprünglichen Natur entdeckt und dort
über die
Jahre, unter anderem mit der finanziellen Unterstützung von Bremer
Rotariern,
zusammen mit seiner Familie eine Kulturstätte aufgebaut, die bis zu 40
Menschen
beherbergen kann. Eine Zielgruppe stellten Kinder und Jugendliche aus
den
Klausenburger Waisenheimen dar. Ihnen wurden auf diese Weise Ferien in
einfacher, aber Natur naher Umgebung geboten. Es zeigte sich, dass die
begleitenden Erzieherinnen ohne die zivilisatorischen Hilfen, wie zum
Beispiel
das Fernsehen, wenig mit den Kindern anzufangen wussten. Daraus
entwickelte
sich die Idee, Kurse für Erzieherinnen anzubieten, in denen sie
einerseits mit
der anthroposophischen Menschenkunde und Waldorfpädagogik sowie einer
kritischen Beurteilung der technischen Medien bekannt gemacht werden
sollten
und andererseits in praktischer Umsetzung des theoretisch Erarbeiteten
Spiele
für die verschiedenen Altersstufen kennen lernen sollten. Zugleich
waren
künstlerische und handwerkliche Aktivitäten geplant, insbesondere die
Herstellung von Spielzeug aus Naturmaterialien als eine die Sinne
ansprechende
und die Fantasie anregende Alternative zu den verbreiteten
Plastik-Ungeheuern.
Zoltàn Labancz, der schon während der
Ceaucescu-Ära trotz aller damit verbundenen Risiken anthroposophisch
gearbeitet
hatte, nutzte nach dem Sturz des Diktators die Gelegenheit zu einer
Waldorflehrerausbildung in Stuttgart. Zurück in Klausenburg begründete
er das
dortige Waldorflehrerseminar. Allerdings zeigte sich bald, dass die
Hoffnungen
auf eine umfassende kulturelle Wende unrealistisch waren. Welchen
Schwierigkeiten die Waldorfpädagogik in Rumänien begegnete, beschreibt
Zoltàn
Labancz eindringlich in seinem Beitrag „Einige Gedanken am Rande des
Waldorfexperiments in Rumänien“ in dem von Heinz Buddemeier und Peter
Schneider
herausgegebenen Buch „Waldorfpädagogik und staatliche Schule“[1].
Im Kulturzentrum in Plopi besteht die Möglichkeit
zu freier Kulturarbeit. In den ersten Erzieherinnen-Seminaren, in denen
Zoltàn
Labancz noch hatte mitwirken können, übernahm er den
künstlerisch-pädagogischen
Kurs, Heinz Buddemeier, Bremer Medienwissenschaftler, die
seminaristische und
Barbara Buddemeier die praktische Arbeit. Ab 2007 leiteten verschiedene
Klausenburger Künstlerinnen einen Malkurs an und für 2008 haben Angela
Burckhardt,
Schloss Hamborn, und Doris Mühlbacher von der Bremen-Ottersberger
Rumänieninitiative die seminaristische Arbeit übernommen. Unterstützt
wurden sie
von der Kunsttherapeutin Ursula Balke.
Ausgehend davon, dass gute Erziehung die
Selbsterziehung des Erziehers voraussetzt, wurde in den letzten Jahren
verstärkt der Lebenslauf des Menschen mit seinen verschiedenen Phasen
und
Entwicklungsmöglichkeiten in der seminaristischen Arbeit
berücksichtigt. Diese
etwas veränderte Akzentsetzung unterstreicht, dass die Teilnehmerinnen
konkrete
Impulse für die Gestaltung ihres Erzieherinnenalltags bekommen sollen,
zugleich
aber auch Hilfen zur Gestaltung ihres ganz persönlichen Lebens. Wenn
alle
bisherigen Seminare überaus positiv verlaufen sind, so ist neben allen
in den
Kursen vermittelten Anregungen noch etwas anderes wesentlich: die
herrliche
Umgebung und der gemeinsame Tageslauf mit den von Emilia Labancz
liebevoll
zubereiteten gesunden Mahlzeiten.
Es nimmt nicht Wunder, dass die von der Direktion
zur Teilnahme an dieser Fortbildung bestimmten Erzieherinnen als
Belohnung für
die von ihnen geleistete gute Arbeit nach Plopi geschickt werden. Nach
Aussage
der Erzieherinnen war es zumindest in diesem Jahr der Fall. Leider ist
es die
Politik der Klausenburger Heimleitung, jedes Jahr neue Erzieherinnen
nach Plopi
zu entsenden. Zwar ist das Argument, dass möglichst viele Menschen die
dort
gebotenen Anregungen bekommen sollen, durchaus einleuchtend, doch ist
dadurch
eine vertiefende Arbeit nicht möglich. Dies ist insofern schade, als
die in den
Veranstaltungen entwickelte Sicht des Menschen und der Natur für die
meisten
Teilnehmerinnen sehr ungewohnt ist. Und trotzdem haben wir bislang
jedes Mal
erlebt, wie sich für einige Menschen ganz neue Horizonte auftaten – ein
Erlebnis, das für beide Seiten beglückend ist.
Bericht über eine erneute Brasilienreise
(Barbara Buddemeier)
[In einer kürzeren Fassung erschien dieser Bericht in der Zeitschrift "Erziehungskunst" 6/2009]
Von
Monte Azul bis Salva
Dor
Waldorfpädagogik
in der
brasilianischen Sozialarbeit
Einen
2006 in Rio de Janeiro gehaltenen Vortrag widmete Heinz Buddemeier
dem Thema „Medien und Gewalt“. Erschüttert durch die aufgezeigten
Zusammenhänge
bedauerten verschiedene Zuhörer, dass es keine entsprechende Literatur
in
portugiesischer Sprache gebe. Aufgrund dieser Anregung wurde eine
portugiesische Ausgabe der kleinen Schrift »Medien und Gewalt« geplant[1]
und es
gelang tatsächlich, das Büchlein rechtzeitig zu dem Internationalen
Kongress
der Alliance for Childhood, Mitte
Juli 2007 in São Paulo, heraus zu bringen. Zugleich wurden im Verlauf
der
Publizierungsarbeiten interessante Kontakte geknüpft, zum Beispiel zu
der
Waldorflehrerin Ute Craemer, deren sozialpädagogische Arbeit in der favela Monte Azul
international anerkannt ist.
Es
wurde verabredet, dass uns der für Herbst 2008 geplante Brasilienbesuch
auch nach São Paulo führen solle, zumal großes Interesse an einer
fundierten
Veranstaltung zur Medienwirksamkeit in den verschiedenen Lebensphasen
bestand.
Glücklicherweise
klappte die – zunächst schwierige – terminliche
Koordination so gut, dass der allmonatliche Fortbildungstag für die
über 200
Mitarbeiter des Gemeinschaftsvereins Monte
Azul genau in die Zeit fiel, die für São Paulo vorgesehen
war. So konnte
ein ganzer Nachmittag lang mit über 70 Menschen über das gewünschte
Thema
intensiv gearbeitet werden. Gekommen waren alle Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter, die im pädagogischen Bereich tätig sind, sowie etliche der
vielen
Freiwilligen, die über die Freunde der
Erziehungskunst und andere Entsendeorganisationen nach Monte
Azul vermittelt wurden.
Bedenkt
man, dass es gerade das große Ziel in der Associação
Comunitária Monte Azul ist, die Kinder und Jugendlichen
so zu erziehen, dass sie durch aktive Teilnahme an ihrem Werdegang
zunehmend
lernen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, um selbst unter
Armutsbedingungen ein menschenwürdiges Leben in Verantwortung für
Umwelt und
Gemeinschaft zu führen[2],
dann
wird deutlich, dass ein Medium, das zu körperlicher und geistiger
Unbeweglichkeit und generell zu Passivität und Weltflucht verführt, dem
Erreichen dieses Zieles abträglich ist. Bei der Veranstaltung war zu
spüren,
dass die Anwesenden, die insgesamt über 1.200 Kinder und Jugendliche
betreuen,
- sei es in Krabbelstuben und Kindergärten, sei es in den
schulbegleitenden
Kinder- und Jugendgruppen oder in den berufsausbildenden Werkstätten - bereit waren, die für viele
von ihnen neuen Sichtweisen
und Denkanstöße aufzugreifen.
Die
Fruchtbarkeit des in Monte Azul von
Anfang an verfolgten Entwicklungs- und Selbstaktivierungskonzeptes
erweist sich
u. a. darin, dass von den damaligen Kindern, die als erste betreut
wurden,
viele sich jetzt in die Vereinsarbeit einbringen, zum Beispiel als
Erzieher. 60
% der festen Mitarbeiter kommen aus den favelas.
In den Werkstätten werden nicht nur Ausbildungsmöglichkeiten für die
Heranwachsenden geschaffen. Die ganze favela
profitiert von den Produkten. Wenn ich lese, dass in dem etwa 300.000
Einwohner
zählendem Nachbarviertel Jardím Ângela
2001 auf je 100.000 Menschen 277 Morde kamen[3]
und
dass die Mordopfer – wie oft auch die Mörder – überwiegend Jugendliche
zwischen
15 und 24 Jahren sind, dann hat so eine Bäckerei oder Nähwerkstatt, wo
die Jugendlichen
in Gemeinschaft lernen, menschliche Grundbedürfnisse zu befriedigen,
also dem
Leben zu dienen, etwas sehr Anrührendes und ungemein Tröstliches.
Wie
wichtig Bildung und Eigenverantwortung für eine nachhaltige Entwicklung
sind, haben auch die Betreiber des in Rio de Janeiro gestarteten
Sanierungsprogramms Favela Bairro erkannt.
Zunächst hatten sie nur die – dringend nötige – Sanierung des
Sanitärsystems
und weitere technische Maßnahmen im Blick. Doch erst als die Schaffung
sozialer
Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen in das Programm integriert
und
Maßnahmen zur Einkommens- und Beschäftigungsförderung ergriffen wurden
sowie
eine stärkere Einbeziehung den Favela-Bewohnern
Mitgestaltungsmöglichkeiten
eröffnete, entwickelte sich das Programm zum Erfolg.[4]
Das
Konzept von Monte Azul ist
inzwischen weltweit bekannt und gilt vielen Orten als Vorbild – so auch
in
Salvador da Bahia. Gegen Ende meiner Brasilienreise hatte ich
Gelegenheit, ein
paar Tage mit den Menschen des Projeto
Salva Dor, am Rande des Armenviertels São
Lázaro im Stadtteil Ondina,
Salvador, zu verleben. Das Projekt, das – wie so viele – mit
künstlerischer
Arbeit für Favela-Kinder im Privathaus einer engagierten
Waldorfpädagogin,
Fabiana Naka, begann, wird demnächst 10 Jahre alt.
Der
die Träger des Projekts beseelende Idealismus zeigt Ähnlichkeiten mit
dem Vorbild, genauso aber die Schwierigkeiten, die immer wieder
überwunden
werden wollen. Das vor einigen Jahren erbaute eigene Haus kann die in
vier
Gruppen betreuten etwa 50 Kinder zwischen 2 und 9 Jahren kaum fassen.
Für 10-
bis 14-Jährige steht nur zweimal wöchentlich ein Raum in der Gemeinde
zur
Verfügung. Dabei sind Jugendliche dieses Alters ganz besonders
gefährdet und
brauchen dringend Stütze und Orientierung, damit sie nicht in den Sog
von
Gewalt, Geld und anderen Verführungen geraten. Wenn es nach der
Nachfrage
ginge, müssten weitere Gruppen angeboten werden. Doch das Projekt
platzt aus
allen Nähten. So ist die gegenwärtig drängendste Frage: Wie schaffen
wir neuen
Raum? Verhandlungen mit der Stadt, die das Projekt als gemeinnützige
Organisation mit sozialpädagogischem Ziel anerkennt, sind im Gange.
Die
waldorfpädagogische Aus- und Weiterbildung der auch hier vielfach aus
dem Viertel selbst stammenden Mitarbeiter stellt ein weiteres, immer
aktuelles
Problem dar. Das Projekt übernimmt zwar die Reisekosten (das Gehalt von
500,-- R$
[ca. 185,-- ¤] für eine Ganztagsstelle reicht oft nicht für die Miete –
selbst
in den armseligen Behausungen von São Lázaro), doch die nächtlichen,
vielstündigen
Busreisen zum Seminarort und zurück (zwischen zwei vollen
Arbeitswochen) müssen
die Erzieherinnen selber verkraften. Um so verständlicher sind die
Bemühungen,
eigene Aus- und Fortbildungsangebote aufzubauen.[5]
Zugleich ist die Notwendigkeit eines Gesundheitszentrums
offensichtlich. Dies
wurde mir drastisch vor Augen geführt, als ich auf eine etwa 60-jährige
Bewohnerin von São Lázaro traf, die an Diabetes erkrankt war und kaum
noch hört
und fast erblindet ist, weil ihr zu spät die für ihre Krankheit
notwendigen
Medikamente zuteil wurden.
Von
all diesen existenziellen Fragen habe ich als Besucherin zunächst
nichts gespürt. Die Kinder, natürlich neugierig, strahlten mich an. Sie
erleben
in ihren Gruppen das, was für ihre Entwicklung richtig ist: Spiele,
Rhythmus,
und liebevolle Zuwendung im ersten Jahrsiebt, für die 6- bis 7-jährigen
auch
schulvorbereitende Übungen und im 2. Jahrsiebt künstlerische und
schulergänzende Aktivitäten sowie Erkundungen in der eigenen Stadt.
Für
die ganztägig betreuten Kleinen gibt es mindestens eine gesunde,
vollwertige und warme Mahlzeit, die die Köchin in ihrer winzigen Küche
zaubert.
Als weitere Maßnahme für die Gesunderhaltung kommt einmal die Woche
eine
Allgemeinmedizinerin zur Beratung ins Projekt. Ein weiteres Anliegen
für die
Mitarbeiter des Projeto Salva Dor
ist
es, die Eltern und überhaupt die etwa 2.000
Bewohner
von São Lázaro einzubeziehen, sei es innerhalb der Vorstandsarbeit, sei
es
anlässlich von Festen. Durch diese Öffnung strahlt der von der
Waldorfpädagogik
genährte Kulturimpuls in die Gesellschaft hinein.[6]
Dass
in Brasilien eine große Offenheit für diesen Kulturimpuls besteht,
konnte ich vielfältig während unserer Reise beobachten. Ob es sich um
ein
grandioses 8-Klass-Spiel mit vielen tänzerischen und musikalischen
Einlagen an
der ersten brasilianischen Waldorfschule in São Paulo handelt oder um
eine
Eurythmieaufführung in einem weniger privilegierten Zentrum für Kultur-
und
Jugendarbeit im Süden dieser Stadt – der Sinn für Künstlerisches
scheint
allgegenwärtig. Beeindruckend ist auch, wie viele Klein- und
Kleinstinitiativen
wie Pilze aus der Erde schießen. So gibt es zum Beispiel im
Landesinnern von
Bahia, in dem kleinen, sehr touristischen Ort Lençois einen
Kindergarten, der
zunächst von vier Müttern kleiner Kinder quasi für den Eigenbedarf
gegründet
wurde. Ein bis zwei Jahre später waren bereits eine angehende
Waldorfpädagogin
und eine weitere Erzieherin zur Stelle und hatten gerade mit 14 Kindern
ein
frisch angemietetes großes Haus bezogen mit der Perspektive, Förderer
zu
finden, damit möglichst viele Kinder aus dem Ort, deren Eltern den
monatlichen
Beitrag von 135 R$ (ca. 50 ¤, entspricht etwa einem Drittel des weit
verbreiteten monatlichen Mindestlohns) nicht aufbringen können, eine
Stabilisierung und Orientierung bekommen, damit sie nicht schutzlos den
vielfältigen Verführungen, die der Tourismus mit sich bringt,
ausgeliefert
sind. Etwa 20 Kilometer weiter gibt es einen weiteren Kindergarten, für
den die
Waldorfpädagogik Erziehungsideal ist – insgesamt elf Institutionen im
Bundesstaat Bahia, die an der letztjährigen Tagung der
Waldorfkindergärten in
Salvador teilnahmen.
Begeisterung,
Fortbildungshunger und vielfältige Notsituationen sind
wesentliche Charakteristika dieser Initiativen. Und noch ein
Gemeinsames haben
die hier angeführten Projekte: Sie alle sind bemüht, den in Armut
lebenden
Menschen ein im umfassenden Sinne zukunftsfähiges Leben zu ermöglichen.
Durch
Bildung, Erziehung, Gesundheitspflege und Kulturarbeit soll genau das
erreicht
werden, was durch die 2005 ausgerufene UN-Dekade „Bildung für
nachhaltige
Entwicklung“ angestrebt wird.
[1] Buddemeier,
Heinz (2006): Medien und Gewalt – Wie und
warum wirken Gewaltdarstellungen? Heidelberg:
Menon. Ders. (2007): Mídia e Violência: como
as cenas de violência atuam, e por quê? SãoPaulo:
Antroposófica, Aliança Pela Infância.
[2] Selbstdarstellung
des Vereins: www.monteazul.org.br.
- Über Anfänge, Impulse und erste Erfolge dieser Arbeit berichten Ute
Craemer
und andere in: Favela Monte Azul –
Hoffnungen, Ziele, Erfahrungen. Sozialarbeit in São Paulo (1987)
und Favela-Kinder – Sozialarbeit am Rande der Gesellschaft.
Brasilianisches
Tagebuch (1981).
Beide
Bücher erschienen im Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart.
[3] Pauschinger,
Dennis: „Monte Azul – Licht im Schatten
von São Paulo“. In: Tópicos
2/2008, S. 47. (http://www.topicos.net/fileadmin/pdf/2008/2/pauschinger-monteazul.pdf ) Tópicos
ist die etwa vierteljährlich erscheinende Zeitschrift der Deutsch-Brasilianischen
Gesellschaft.
[4] Dietz, Jürgen:
„Favela-Sanierung
in Rio de Janeiro – Aufwertung ganzer Stadtteile“. In: Tópicos
3/2001, S. 17. (http://www.topicos.net/fileadmin/pdf/2001/3/Favela_Sanierung.pdf
)
[5] Reguläre
Waldorfausbildungen gibt es
zurzeit an weit entfernten Orten. Dagegen gibt es in Salvador
gelegentliche
Gastkurse zur Waldorfpädagogik (mit eigens angereisten Dozenten). Über
einen
solchen Kurs, insbesondere zur Wirkung der Medien in den verschiedenen
Jahrsiebten, sind wir für 2010 im Gespräch.
[6] Weitere
Informationen zum Projeto Salva Dor gibt
es (auf
Portugiesisch) unter www.projetosalvador.org.br
oder über die Freunde der Erziehungskunst
Rudolf Steiners, die diesem Projekt einen Rundbrief
(Brasilien 3/2007) und
einen Spendenaufruf (10/2008) widmeten.
Berichte über die 7. Fachtagung
(30./31. Mai 2008)
Waldorfpädagogik im Dialog
Bericht
aus der
Schweiz
Rundbrief der „Freien
Pädagogischen
Vereinigung“, Bern, die
seit fast 70 Jahren Waldorfpädagogik in den staatlichen Schweizer
Schulen
fördert
RUNDBRIEF FPV 76 / Michaeli 2008 11
Wenn alles
möglich wäre...
Tagung
„Wege zur Erneuerung von Schule“
Von Ruth Bigler
Am
Freitag, 30. Mai
reiste ich nach Bremen. Es war sommerlich heiss, was mich erstaunte,
Bremen?
Bremer
Stadtmusikanten, mehr wusste ich nicht.
Auf
Einladung von Barbara
Buddemeier nahm ich als Vertreterin der FPV an der Tagung „Wege zur
Erneuerung von Schule“
teil, die vom
Verein „Freie Initiative Waldorfpädagogik im Dialog“[1]
in
Bremen veranstaltet wurde.
Der
Vorstand unterstützte
die Reise und die Schulleitung gewährte mir Urlaub.
Als
Vorbereitung auf die
Tagung hatte ich das Buch “ Waldorfpädagogik in der staatlichen
Grundschule“
von Prof. Heinz Buddemeier gelesen.[2]
Darin
wurden die Erfahrungen eines Schulbegleitprojektes der
Uni Bremen geschildert und kommentiert (siehe Kasten, unten).
Als ich
nun nach Bremen
reiste, war ich gespannt, welche Ideen zur Erneuerung von Schule
entwickelt würden.
Besonders
interessant
fand ich die Struktur der Tagung: An Stelle von Referaten und Workshops
sollte es am Freitag
drei Gesprächsgruppen, bestehend aus Teilnehmenden und geladenen
Gästen, geben,
während für den Samstag in einer Zukunftswerkstatt die Visualisierung
der
Schule von morgen geplant war.
Die 10
geladenen Gäste
hatten alle einen reformpädagogischen Hintergrund: Freinet,
Gestaltpädagogik,
Laborschule Bielefeld und Waldorfpädagogik an staatlichen Schulen.
Rund 40
Menschen,
darunter erfreulich viele Studierende, besuchten die Tagung.
In den
Gruppengesprächen
und im anschliessenden Plenum am Freitag kam vorerst ein Sammelsurium
an Nöten,
Kritik und Anregungen zusammen.
So wurde
kritisiert, dass
wegen der Vergleichsarbeiten wenig Zeit und Möglichkeiten für
künstlerische
Projekte bleibt. Es wurde gefordert, dass Waldorfpädagogik mit
erziehungswissenschaftlichen Ausdrücken und Elementen begründet werden
muss, weil man nicht von den
Eltern und LehrerkollegInnen erwarten kann, dass sie sich mit
Geisteswissenschaft
beschäftigen. Die Bildungsgutscheine wurden von einem Teilnehmer als
Lösung der
Probleme gesehen und das Schulwesen wurde als „postfeudale
Struktur
mit
industrialisierten Inhalten“ kritisiert.
Allmählich
entstand im
Plenum die Überzeugung, dass man Bündnisse mit den Engagierten eingehen
soll, dass
Freiräume immer noch bestehen und mutig genutzt werden können.
Unter
Anleitung des
Gestaltpädagogen Prof. Olaf A. Burow visualisierten wir am Samstag in
einer
Zukunftswerkstatt die ideale Schule des Jahres 2015.
Die
Zukunftswerkstatt
wurde vom Philosophen Robert Jungk als Mittel entwickelt, um „die
Zukunft zu erfinden“.„Wie
würden wir es einrichten, wenn alles möglich wäre?“ ist die
Ausgangsfrage.[3] Robert Jungk ging davon aus, dass das Wissen für
die Lösung eines Problems vorhanden ist, dass man aber diese „Weisheit
der
Vielen“ organisieren, in eine Form bringen müsse.
Als
erstes sollte sich
jede/r an ein besonders positives Erlebnis in der Schule erinnern. In
Kleingruppen erzählte man
sich diese Erlebnisse in Kurzfassung. Jede Gruppe wählte dann das
prägnanteste
Erlebnis aus und erzählte es im Plenum.
So
entstand eine Fülle
von Gelungenem, die bereits sichtbar machte, welche Werte mit der
idealen Schule verbunden
sind.
In der
anschliessenden
Visionsphase machte sich jede/r in einer geleiteten„Zeitreise“ ein Bild
seiner idealen
Schulsituation im Jahr 2015.
Wieder
traf man sich in
Kleingruppen und erzählte sich die entstandenen Visionen. Das
Gemeinsame wurde
herausgeschält und im Plenum dargestellt.
Hier eine
kleine Auswahl
davon:
• Die
Behörden stellen
Räume und Geld zur Verfügung, lassen aber die
Rahmenbedingungen sehr offen.
• Die
Schulleitung
versteht sich als Coach, der die Potentiale und Ressourcen der
LehrerInnen einbezieht und fruchtbar
macht.
• Schule
ist Begegnung
von Mensch zu Mensch.
•
Lehrkräfte haben
räumliche, zeitliche und organisatorische Freiräume für ihren
Unterricht.
•
SchülerInnen der
unteren Schuljahre haben viel Bewegungs- und Erlebnismöglichkeiten,
jene der oberen
Schuljahre können auch eigene Interessen selbständig bearbeiten.
• Im
Mittelpunkt steht
der Mensch, sein Bedürfnis nach Kohärenz, nach Entwicklung und nach
Verwirklichung eigener Ideen.
Gemeinsam
überlegte man
als nächstes, was schon Realität ist und was man in seinem Umfeld
realisieren
möchte. Jeder formulierte für sich den konkreten nächsten Schritt.
Die
Arbeit der
Zukunftswerkstatt war sehr intensiv. Fast vergassen wir das Mittagessen
und nur
knapp wurden wir auf den festgesetzten Zeitpunkt fertig.
Begeisterung
für all die
Möglichkeiten lag im Raum. Wenn jeder Anwesende von dieser Begeisterung
etwas
in seinen Schul-Alltag mitnehmen kann und den ersten Schritt tut, hat
die
Tagung tatsächlich etwas zur Erneuerung von Schule beigetragen.
Mich
selber beschäftigt
seit der Rückreise folgende Frage: Was brauchen die Lehrkräfte, damit
sie den
Mut und die Kraft haben, die (noch) bestehenden Freiräume zu nutzen?
Wie
erreichen wir jene, die dies wollen?
Ich habe
keine eindeutige
Antwort darauf, hoffe aber, dass sich im Gespräch mit KollegInnen, auch
an
Veranstaltungen der FPV, immer wieder Hinweise und Anregungen dafür
finden
werden.
Und die
Bremer
Stadtmusikanten? Ja, ich habe sie gesehen. Am Bahnhof stehen sie, einer
auf dem
anderen, und schauen in das Treiben der Menschen.
Bremen
ist eine schöne
Stadt, das habe ich auf der Fahrt mit dem Tram an die Uni festgestellt.
Ich werde
gelegentlich wieder kommen und mir diesmal mehr Zeit für Bremen nehmen.
Schulbegleitforschungsprojekt
der Uni Bremen
An
der Uni Bremen wurde 1998 bis2002 ein Schulbegleitforschungsprojekt
„Waldorfpädagogik
in der staatlichen Grundschule“ von Prof. Buddemeier durchgeführt
(siehe Anm.2).
Dieses war von der Bremer Schulbehörde angeregt worden. Die drei beteiligten
Klassenlehrerinnen machten das, was bei uns seit vielen Jahren unzählige Lehrkräfte gemacht haben: Elemente der Waldorfpädagogik in ihren Unterricht einbauen. Je nach Stand ihres eigenen Wissens und abhängig von den Gegebenheiten ihrer Schulsituation setzten sie mehr oder weniger Waldorf-Elemente in ihrem Unterricht ein, wie es unzählige Lehrkräfte der FPV seit vielen Jahrzehnten tun. Nicht alle beteiligten Lehrerinnen konnten das Projekt zu Ende führen. Der einen wurde die Klasse weggenommen - aus organisatorischen Gründen, eine andere bekam viel weniger Klassenlehrerstunden, so dass ein Epochenunterricht nicht mehr möglich war (Fachlehrerunterricht schon in der 3. Klasse). Zwar konnte keine Evaluation durchgeführt werden, die wissenschaftlichen Kriterien genügt, weil Zeit und finanzielle Mittel fehlten! Doch war man sich „unevaluiert“ einig, dass es durchaus möglich ist, im Unterricht in der Staatsschule mit Waldorfelementen zu arbeiten, wenn gewisse Rahmenbedingungen erfüllt sind.
[1] www.freie-initiative-waldorf.de
[2] Heinz
Buddemeier/Peter Schneider: Waldorfpädagogik und staatliche Schule-
Erfahrungen, Grundlagen, Projekte; Verlag Mayer, Berlin 2005.
[3] www.art-coaching.org
Und hier folgen
weitere Berichte:
„Freie Initiative - Waldorfpädagogik im Dialog e.V.“ (vormals: „Freie Initiative – Waldorfpädagogik an staatlichen Schulen e.V.“) an die Uni nach Bremen.
Teilnehmende waren Pädagogikprofessoren (teils von der Freinet-Bewegung), Gestaltpädagogen, Lehrer aller Schularten, Studierende und auch Menschen wie wir, denen eine der Zukunft und den Kindern gerechte Schulentwicklung am Herzen liegt.
In der Einladung hieß es:“...Verhältnisse zu schaffen, die jeder Schülerin/jedem Schüler die Chance geben, die mitgebrachten Potentiale im handwerklich-beruflichen, künstlerischen, intellektuellen und im sozialen Bereich nicht nur zu pflegen, sondern auch selbstschöpferisch zu entwickeln."
Bremer Waldorflehrer brachten uns zu Anfang mittels Formenzeichnen oder Rhythmenüben – für manche neu und überraschend – glänzend in das „Selbst-Tun“ hinein. In den anschließenden Gesprächsrunden anhand einiger vorgegebener Fragen ergaben sich als erste Ansätze zur Überwindung der gegenwärtigen Misere u.a. folgende Wünsche:
- Eine Forschungsstelle für Reformpädagogik schaffen;
- Eine Vielfalt von Schulen, wie ein Mischwald; keine Monokulturen entstehen lassen. Einrichtung freier öffentlicher Schulen, selbst verwaltet aber vom Staat finanziert.
- Fragen nach
dem Menschenbild;
wollen wir die Förderung der Persönlichkeit
des Kindes? Und wie wecken wir das Interesse am anderen und an der Welt?
Menschenkunde als allgemeine Grundlage für Schulen - Projekte mit anderen Berufen gestalten.
- Übungsmöglichkeiten
für Lehrer,
um sich selber zu stärken um nicht „ausgebrannt“
zu werden (Motto: Dem Schüler geht es gut, wenn es dem Lehrer gut geht“) Wie kommt wieder Energie in die Schule? - Die Gegenwart nicht der Zukunft opfern (Das Recht auf Kindheit heute!)
- Lust am Selber-Tun wecken und nutzen (z.B. die eigene Schule putzen oder renovieren), siehe auch Reinhard Kahls „Zukunftsarche: Was können Kinder?“.
Um eine Vision von Schule zu bekommen, war besonders spannend und fruchtend die Anregung, sich selber auf eine besonders gelungene Situation – als Lehrer oder Schüler – zu besinnen und diese dann auf einem vorbereiteten Blatt als Symbol zu skizzieren, als Wort oder Motto zu benennen und zu beschreiben.
Danach sah man sich im Raum nach einer ähnlichen Gestaltung um und fand sich in entsprechenden Gruppen zusammen, um gemeinsam eines der Beispiele für die Vorstellung im Plenum auszuwählen.
Olaf-Axel
Burow fasste zusammen, dass wir ja alle wissen, wie gute Schule
funktioniert.
Und: Lernen sei nur möglich, wenn ein Kohärenzgefühl entsteht, d.h. es
kommt
auf die Beziehung zwischen den Lehrenden und Lernenden an und am besten
kann
man
voneinander lernen.
Danach wurden wir auf eine Zeitreise in das Jahr 2015 geschickt und sollten unsere individuellen Visionen von Schule in Bild, Wort und Aktion gestalten. Aus der Vielzahl der Visionen greifen wir 2 Beispiele heraus:
Beispiel:
Ein Student aus El Salvador – jetzt Alanus-Hochschule – erinnerte an
ein Schulfest, wo die Jungen und Mädchen aus seiner Klasse durch
Rollentausch viel Spaß und Erfolg hatten und im Freiraum der eigenen
Gestaltung „erblühten“.
Olaf-Axel
Burow fasste zusammen, dass wir ja alle wissen, wie gute Schule
funktioniert. Und: Lernen sei nur möglich, wenn ein Kohärenzgefühl
entsteht, d.h. es kommt auf die Beziehung zwischen den Lehrenden und
Lernenden an und am besten kann man voneinander lernen.
Danach
wurden wir auf eine Zeitreise
in das Jahr 2015 geschickt und sollten unsere individuellen Visionen
von Schule in Bild, Wort und Aktion gestalten. Aus der Vielzahl der
Visionen greifen wir 2 Beispiele heraus:
Schüler verändern diese
„Kiste“ indem sie
den Lernraum selber gestalten, u.a.
durch Kooperation mit Außenstehenden (in diesem Fall zum Beispiel mit
der Uni Bremen).
Die Schule ist offen - von und nach außen – und bietet doch nach innen geschützte Räume. Die Schüler bewegen sich aus eigenem Antrieb zwischen den verschiedenen Lern- und Experimentier- Zentren hin und her und werden von Lehrern, fortgeschrittenen Schülern und auch Eltern beraten und begleitet, wenn sie dies wünschen. Beginn und Ende des Schultages finden in großen gemeinsamen Kreisen mit rhythmischen und musikalischen Übungen statt.
Wieder
fanden wir uns danach in Gruppen mit ähnliche Symbolen zusammen, um
jeweils gemeinsam eine geeignete Darstellung für den ganzen Kreis zu
finden.
Übereinstimmend kam vor, dass Schule als einerseits Schutzraum für die Kinder und andererseits kultureller Lernort sich öffnen sollte für den Austausch, dass man aber keine „Verregelung“ von Behörden gebrauchen kann. Das gipfelte in der Aufforderung, die Kultusministerien abzuschaffen und das gesparte Geld den Schulen zu geben.
In der abschließenden Runde konnte jeder Teilnehmende sagen, was er von dieser Tagung mitnehme. Da kam häufig ein Lob (von Seiten der Staatsschullehrer) für die überraschenden Erfahrungen mit den Übungen aus der Waldorfpädagogik und für die Visionen, die (besonders die jungen Studierenden) beflügelten. Allgemein gewünscht wurden Bündnisse mit anderen engagierten Menschen.
Einen großen Dank gab es vor allem an Frau Barbara Buddemeier für die gute Organisation und an Herrn Prof. Heinz Buddemeier, der sich die Schule so wünscht, dass sie die Kinder weglockt vom Medienmissbrauch (da ist er ja Fachmann!), indem sie ein kultureller Lernort wird, an dem jeder gern sein mag.
Die anfangs gestellten Wünsche bekamen etwas mehr Schwung zur Umsetzung und zu der Hoffung, dass Visionen wahr werden können, wenn man sich traut, auch mit kleinen Schritten zu beginnen.
L.
und M. Kutter
(Förderverein für Waldorfpädagogik
an der Rudolf Steiner Schule
Hamburg-Wandsbek e. V.)
Die
Tagung „Wege zur Erneuerung von Schule“ war für mich Inspiration. Als
Teil einer Horde von Studenten, die in den Genuss der Lehrerausbildung
des Bachelor-Systems kommen, das es sich zum Ziel gemacht hat,
möglichst viele Studenten möglichst schnell und unproblematisch durch
die Ausbildung zu „schieben“ ist einem Inspiration selten vergönnt.
Dass in einem solchen System die Qualität der Ausbildung „baden“ geht,
ist ein unschöner Nebeneffekt, der aber weiter niemanden zu stören
scheint, zumindest nicht die Repräsentanten der Hochschul-Politik. Wie
kann also von einer Überwindung der Schulmisere die Rede sein, wenn
angehende Lehrer eine derart miserable Ausbildung bekommen? […]
Woher
kriegen Lehrer die Impulse? Vielleicht aus dem Menschenbild, das sie
haben. Vielleicht aus dem Interesse an der Individualität jedes
einzelnen Schülers, aus Beziehungen, die zu Kollegen und Schülern oder
auch zu Eltern aufgebaut werden. Dieses gegenseitige Interesse kann
natürlicherweise nur erwachsen, wenn Individualität bewahrt wird, wenn
jedem Beteiligten die Möglichkeit gegeben wird, sich nach eigenen
Fähigkeiten einzusetzen und zu beteiligen. Wenn nun aber – um auf die
Lehrerausbildung zurückzukommen – Lehrer durch eine einseitige
Ausbildung standardisiert werden und somit ein Normprogramm
durchlaufen, das die Bildung der eigenen Persönlichkeit und eigener
Interessen nicht nur nicht fördert, sondern sogar unterdrückt, dann
werden sie selber kaum in der Lage sein, Quelle inspirierter und
inspirierender Individualität zu sein. […]
Die Frage ist
also, wie
man im gegebenen Schulsystem Freiräume schaffen kann. Was ist also
dran, wenn Lehrer über die „schrille“ Schulklingel jammern, (die die
Arbeit jäh unterbricht um dem Lehrer und den Schülern ein nun völlig
anderes Thema der nächsten Stunde anzukündigen) oder die vielen
Klassenarbeiten verteufeln, die ständig geschrieben werden müssen. Die
„Jammernden“ haben dann mal nachgeschaut und festgestellt, dass die
Notwendigkeit der Pausenklingel sowie das Schreiben von Klassenarbeiten
(über die drei Hauptfächer hinaus) nirgends vorgeschrieben ist; es
obliegt der Schulleitung, das Schulkonzept zu entscheiden und
einzurichten. Entscheidet eine Schule sich für die Abschaffung der
Klingel, oder der Lehrer für die Abschaffung von Klassenarbeiten, dann
wird dem niemand im Wege stehen. Freiräume befinden sich oft da, wo sie
nicht geahnt werden, oder um es mit den Worten Burows zu sagen: „Unter
dem Pflaster ist der Strand“. Gründe für dieses Gefühl der
Eingeengtheit und die oft empfundene Gefangenschaft der Lehrer können
somit auch gut in einem „vorauseilenden Gehorsam“ oder in „mangelnder
Fantasie“ liegen. „Wenn man will, dann kann man!“ würde überspitzt das
Motto lauten. Eine Grundschule in Eitorf beispielsweise, einem Ort im
Rhein-Sieg-Kreis, hat ihr Konzept vollständig umgekrempelt und somit
Dinge wie die Verlagerung des Unterrichts nach „draußen“ und in die
umliegende Natur, das Aufbrechen des Klassenverbandes zugunsten
heterogener Schulklassen oder die selbstständige Gestaltung der
Lernräume möglich gemacht (siehe: www.grundschule-harmonie.de).
Wenn
man nun genauer hinschaut, dann sieht man überall in der Landschaft
kleine Initiativen durch Schulen, die damit versuchen, Lernen sinnvoll
und individuell zu gestalten, und den Schulalltag und die Mitglieder
nicht „ergrauen“ zu lassen. Wenn also schon von der Bildungspolitik
nichts zu erwarten ist, dann müssen Initiativen individuell und „von
unten heraus“ entwickelt werden.
[…]
Ausgangspunkt der Diskussionen und Gesprächsrunden bildete häufig die
gering umgesetzte Schulentwicklung, welche Müdigkeit und
Motivationsmangel der Lehrerinnen und Lehrer zur Folge hat.
[…]eine Erneuerung und Umgestaltung von Schulen [ist] notwendig. […]
Bei der Teilnahme an einer Zukunftswerkstatt wurden Impulse für eine
mögliche Schulentwicklung gegeben, die uns vor der Müdigkeit und dem
Mangel an Motivation im Lehrerberuf bewahren soll, sowie die
Schülerinnen und Schüler näher in das Zentrum des
Unterrichtsgeschehens stellt. In diesem Zusammenhang bildete das Motto
„Wenn es dem Lehrer gut geht, geht es auch den Schülern gut!“ einen
viel diskutierten Punkt. Aus diesem Impuls heraus gestalteten sich
unterschiedlichste Visionen von Schulalltag und Schule der Teilnehmer
mit Elementen aus beiden Schulformen (Waldorfschule und staatliche
Schule). Aufgrund der breit gefächerten Arbeitsbereiche der Anwesenden
und deren unterschiedlichen Vorstellungen entwickelten sich
Anregungen für unseren späteren Beruf, wie zum Beispiel in den
Bereichen der kreativen Unterrichtsgestaltung, Raum- und
Schulgestaltung, Zeitmanagement und dem Versuch auf das Kind
individuell einzugehen. Es war interessant zu sehen, dass, obwohl die
an Schule und Schulentwicklung interessierten Anwesenden aus
unterschiedlichen Berufsfeldern kamen und unterschiedliche Visionen
hatten, sie im Großen und Ganzen doch den gleichen Kerngedanken von
einer „neuen“ Schule hegten, der uns alle miteinander verband.
Nach
Abschluss der Tagung konnten wir für uns feststellen, dass
Schulentwicklung eine Befreiungsmöglichkeit von dem monotonen
Schulalltag darstellt und sowohl das Kind, als auch den Lehrer in den
Mittelpunkt des Unterrichts stellen sollte.
-.-.-.-
Durch die Teilnahme an der Zukunftswerkstatt an der Bremer Uni habe ich gemerkt, dass man gemeinsam mit anderen zum wichtigen Mitgestalter für innovative Ideen in der Schule werden und auf Missstände aufmerksam machen kann. Während ich mit anderen aus der Gruppe am Samstagmittag über die gemalten Bilder zur Zukunft der Schule mich austauschte, merkte ich, dass sich die einzelnen Ideen miteinander verbinden und zu einem neuen überraschenden Ideennetz führten. Bemerkenswert war der Beitrag von Dr. Söll mit seiner „Theorie von der Kiste“. […] Zu dieser „Theorie von der Kiste“ gehört auch, dass man sich mit anderen kommunalen Institutionen (Altenheim, Krankenhaus, Kindergarten) vernetzt, indem man in Projekten zusammenarbeitet und beispielsweise Patenschaften zwischen Schülern und älteren Heimbewohnern initiiert. Der Vortrag hat mir auch deshalb so gut gefallen, weil danach geschaut wurde, wie man das Bestehende in der Schule verändern kann. Im Nachhinein merke ich, dass sich bei mir ein Bewusstseinsprozess in Gang gesetzt hat, da mir Tage später noch diverse Bilder von Beteiligten durch den Kopf gingen und neue Fragen auftauchten […].
"Erziehungskunst" Heft 11, November 2008, S.1208-1210.
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Bericht
über ein Projekt an der Grundschule Lunestedt
(Landkreis Cuxhaven, Niedersachsen)
Vom Korn zum Brot
Eine der schönsten Unterrichtseinheiten der Grundschulzeit ist in der dritten Klasse das Thema „Vom Korn zum Brot“. Außer einer Behausung (Thema: Hausbau) ist die Nahrung eines der Elementarbedürfnisse des Menschen. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Kinder den langen und mühsamen Prozess bis zum duftenden Brot möglichst hautnah erleben. Da in kaum einer Familie das Brot selber gebacken wird, kennen die Kinder nur Brotlaibe vom Bäcker oder Schnittbrot aus dem Supermarkt. Aber wie viel Arbeit ist bis dahin geleistet worden, wie viele Menschen haben dazu beigetragen, dass das fertige Produkt im Regal liegt! Deshalb setze ich alles daran, in meinen jeweiligen dritten Klassen auf einem Stückchen Land Korn zu säen und die Kinder den gesamten Prozess erfahren zu lassen.Im Oktober 2005, zu Beginn der dritten Klasse, begannen wir buchstäblich ganz unten, nämlich mit der Untersuchung des Erdbodens. Wir gruben ein tiefes Loch und besahen uns die einzelnen Bodenschichten, Humusschicht, Sandschicht, die Regenwürmer etc. Anschließend fragten wir uns, welche Arbeitsschritte notwendig sind, um aus einem Stück Land einen Acker zu machen. Das Pflügen und Eggen nahm uns dieses Mal der Großvater eines Schülers ab, der ein Stück (ca. 20 x 30 m) seines Weidelandes umzäunte und mit Maschinenhilfe in Ackerland umwandelte. An einem sonnigen Oktobertag säten alle Kinder mit der Hand in gleichmäßigen Schwüngen Roggen aus. Das Schreiten und gleichmäßige Aussäen hatten wir vorher in der Schule unter Zuhilfenahme eines Säerspruches geübt. Nach der Aussaat eggten wir das Korn mit Harken unter. In Abständen besuchten die Kinder das Feld, das Wachstum wurde gemessen und in eine Tabelle eingetragen. Im kalten Frühjahr 2006 wuchs das Getreide nur langsam, doch mit der Schönwetterphase ab Juni erreichte unser Korn zum Schluss eine Höhe von mehr als 1,80 Meter! Bis zum Beginn der Sommerferien war das Korn aber noch nicht reif, so dass wir in die Sommerferien gingen, ohne geerntet haben zu können. Kurz vor dem Wetterumschwung Ende Juli retteten zwei Großväter unsere Ernte, indem sie selber die Sense schwangen, das Korn abernteten, aufstellten und auf einem großen Hänger in Sicherheit brachten. Gleich nach den Sommerferien droschen die Kinder mit dicken Knüppeln, die als Dreschflegel fungierten, auf dem – gefegten – Hof den Berg von Getreide aus. Nach dem Zusammenrechen stellte sich heraus, dass so viele Körner in den Ähren gesteckt hatten, dass ein großer Sack voll wurde. In der darauf folgenden Woche besuchten wir die historische Wassermühle Deelbrügge, wo das gesamte Korn (knapp 50 Kilogramm) gemahlen wurde. Vor lauter Begeisterung naschten die Kinder das Mehl schon aus dem Mehlkasten der Mühle. Beim aufwändigen Zubereiten des Brotteiges mit Hefe und Sauerteig sprang uns eine pensionierte Lehrerin bei, die über viel Erfahrung mit dem Backen von Vollkornbrot verfügt. Mit 37 Kindern und etlichen helfenden Müttern entstanden so über dreißig leckere Brote! Die ganze Schule duftete und natürlich wollte jedes Kind sofort vom noch warmen Brot naschen. Alle Kinder bekamen ein halbes Brot mit nach Hause, um das Ergebnis von so viel Arbeit und Mühe auch der Familie zukommen zu lassen. Wir hatten so viel Brot, dass es sogar noch für ein ausgiebiges Frühstück mit der ganzen Klasse reichte. Eigenes Brot mit Butter – lecker!
Frauke Wöltjen
Grundschule Lunestedt (bis 2000: Freie Waldorfschule Bremen-Sebaldsbrück)
Das Projekt wurde mit zwei 3. bzw. 4. Klassen und ihren Lehrerinnen durchgeführt.

