Freie Initiative -
Waldorfpädagogik im Dialog e.V.


Bericht über die Fortbildung

Der Beitrag der Waldorfpädagogik zum Mathematikunterricht an der Grundschule

(in der Reihe «Der Mathematikunterricht in der Grundschule im Dialog der Reformpädagogiken»)

Durch den ersten Teil der Fortbildung, «Rechnen in Bewegung» (16:15 - 17:45), führte Anne Gnadt, langjährige Klassenlehrerin an der Frankfurter Waldorfschule. Sie hatte die Veranstaltung folgendermaßen angekündigt: 

Das natürliche Erlernen der Zahlenwelt ist für das Kind zunächst ein ganzheitlicher Lebensprozess - verbunden mit Handlungen, Bewegungen, Erlebnissen, Empfindungen, Interaktionen etc. Erst an dessen Ende steht die Abstraktion der Zahlen und Rechenoperationen. Diesen lebens- und kindgemäßen Prozess wollen wir anhand von Beispielen in den Klassenstufen 1 - 4 durch praktisches Tun kennen lernen.

Während der Fortbildung gab es viel Gelegenheit zum Stampfen, Springen, Klatschen - natürlich in rhythmischer Abfolge entsprechend der jeweiligen Zahlenreihen. Die vielfältigen Übungen wurden von Frau Gnadt nachvollziehbar kommentiert. Im Folgenden sind zahlreiche Übungsbeispiele aufgeführt:

bilder/Rechenaufgabe1.gif

Rechenaufgabe2.gif

 Weiterführende Literatur:

Darstellung eines methodischen Weges für das Rechnen der 1. - 5. Klasse mit Vorschlägen zur Einführung der vier Grundrechenarten für ganze Zahlen, für Brüche und Dezimalbrüche, zum Üben sowie mit Anleitungen zum Erfinden von schriftlichen Aufgaben. 
ISBN 3-327286-28-1

Durch den zweiten Teil der Fortbildung, «Formenzeichnen - mehr als Geometrie»  (18:15 -19:45 Uhr), führte  Frauke Wöltjen, die nach elfjähriger Klassenlehrerinnenzeit an einer der Bremer Waldorfschulen im Jahr 2000 an die Grundschule in Lünestedt wechselte.

Anknüpfend an die Geometrieübungen in den gängigen Mathematikbüchern erläuterte sie anhand zahlreicher praktischer Übungen, warum das Formenzeichnen in der Waldorfpädagogik als eigenständiges Unterrichtsfach praktiziert wird.

 Weiterführende Literatur:


Bericht über das Seminar für Erzieherinnen in Plopi (Rumänien / Westkarpaten) vom 16. bis 22. August 2009

Waldorfpädagogik für Erzieherinnen in Rumänien

 

Das fünfte Seminar für Erzieherinnen aus städtischen Waisenheimen in Klausenburg (Cluj-Napoca) hat vom 16. bis 22. August 2009 stattgefunden. Veranstaltungsort war wieder das in Plopi (Westkarpaten) gelegene und nach seinem 2007 verstorbenen Begründer benannte „Kulturzentrum Zoltàn Labancz“ (www.westkarpaten.de).

Zoltàn Labancz, der als junger Mathematiklehrer in dem nahe gelegenen Dorf Valea Ierii unterrichtete, hatte das in knapp 1.000 Metern Höhe am steilen Berghang gelegene Plopi mit seiner kraftvollen, ursprünglichen Natur entdeckt und dort über die Jahre, unter anderem mit der finanziellen Unterstützung von Bremer Rotariern, zusammen mit seiner Familie eine Kulturstätte aufgebaut, die bis zu 40 Menschen beherbergen kann. Eine Zielgruppe stellten Kinder und Jugendliche aus den Klausenburger Waisenheimen dar. Ihnen wurden auf diese Weise Ferien in einfacher, aber Natur naher Umgebung geboten. Es zeigte sich, dass die begleitenden Erzieherinnen ohne die zivilisatorischen Hilfen, wie zum Beispiel das Fernsehen, wenig mit den Kindern anzufangen wussten. Daraus entwickelte sich die Idee, Kurse für Erzieherinnen anzubieten, in denen sie einerseits mit der anthroposophischen Menschenkunde und Waldorfpädagogik sowie einer kritischen Beurteilung der technischen Medien bekannt gemacht werden sollten und andererseits in praktischer Umsetzung des theoretisch Erarbeiteten Spiele für die verschiedenen Altersstufen kennen lernen sollten. Zugleich waren künstlerische und handwerkliche Aktivitäten geplant, insbesondere die Herstellung von Spielzeug aus Naturmaterialien als eine die Sinne ansprechende und die Fantasie anregende Alternative zu den verbreiteten Plastik-Ungeheuern.

Zoltàn Labancz, der schon während der Ceaucescu-Ära trotz aller damit verbundenen Risiken anthroposophisch gearbeitet hatte, nutzte nach dem Sturz des Diktators die Gelegenheit zu einer Waldorflehrerausbildung in Stuttgart. Zurück in Klausenburg begründete er das dortige Waldorflehrerseminar. Allerdings zeigte sich bald, dass die Hoffnungen auf eine umfassende kulturelle Wende unrealistisch waren. Welchen Schwierigkeiten die Waldorfpädagogik in Rumänien begegnete, beschreibt Zoltàn Labancz eindringlich in seinem Beitrag „Einige Gedanken am Rande des Waldorfexperiments in Rumänien“ in dem von Heinz Buddemeier und Peter Schneider herausgegebenen Buch „Waldorfpädagogik und staatliche Schule“[1].

Im Kulturzentrum in Plopi besteht die Möglichkeit zu freier Kulturarbeit. In den ersten Erzieherinnen-Seminaren, in denen Zoltàn Labancz noch hatte mitwirken können, übernahm er den künstlerisch-pädagogischen Kurs, Heinz Buddemeier, Bremer Medienwissenschaftler, die seminaristische und Barbara Buddemeier die praktische Arbeit. Ab 2007 leiteten verschiedene Klausenburger Künstlerinnen einen Malkurs an und für 2008 haben Angela Burckhardt, Schloss Hamborn, und Doris Mühlbacher von der Bremen-Ottersberger Rumänieninitiative die seminaristische Arbeit übernommen. Unterstützt wurden sie von der Kunsttherapeutin Ursula Balke.

Ausgehend davon, dass gute Erziehung die Selbsterziehung des Erziehers voraussetzt, wurde in den letzten Jahren verstärkt der Lebenslauf des Menschen mit seinen verschiedenen Phasen und Entwicklungsmöglichkeiten in der seminaristischen Arbeit berücksichtigt. Diese etwas veränderte Akzentsetzung unterstreicht, dass die Teilnehmerinnen konkrete Impulse für die Gestaltung ihres Erzieherinnenalltags bekommen sollen, zugleich aber auch Hilfen zur Gestaltung ihres ganz persönlichen Lebens. Wenn alle bisherigen Seminare überaus positiv verlaufen sind, so ist neben allen in den Kursen vermittelten Anregungen noch etwas anderes wesentlich: die herrliche Umgebung und der gemeinsame Tageslauf mit den von Emilia Labancz liebevoll zubereiteten gesunden Mahlzeiten.

Es nimmt nicht Wunder, dass die von der Direktion zur Teilnahme an dieser Fortbildung bestimmten Erzieherinnen als Belohnung für die von ihnen geleistete gute Arbeit nach Plopi geschickt werden. Nach Aussage der Erzieherinnen war es zumindest in diesem Jahr der Fall. Leider ist es die Politik der Klausenburger Heimleitung, jedes Jahr neue Erzieherinnen nach Plopi zu entsenden. Zwar ist das Argument, dass möglichst viele Menschen die dort gebotenen Anregungen bekommen sollen, durchaus einleuchtend, doch ist dadurch eine vertiefende Arbeit nicht möglich. Dies ist insofern schade, als die in den Veranstaltungen entwickelte Sicht des Menschen und der Natur für die meisten Teilnehmerinnen sehr ungewohnt ist. Und trotzdem haben wir bislang jedes Mal erlebt, wie sich für einige Menschen ganz neue Horizonte auftaten – ein Erlebnis, das für beide Seiten beglückend ist.



[1] Stuttgart / Berlin (Johannes M. Mayer Verlag) 2005, 142-149.



Bericht über eine erneute Brasilienreise

(Barbara Buddemeier)

[In einer kürzeren Fassung erschien dieser Bericht in der Zeitschrift  "Erziehungskunst" 6/2009]

Von Monte Azul bis Salva Dor

Waldorfpädagogik in der brasilianischen Sozialarbeit
 

Einen 2006 in Rio de Janeiro gehaltenen Vortrag widmete Heinz Buddemeier dem Thema „Medien und Gewalt“. Erschüttert durch die aufgezeigten Zusammenhänge bedauerten verschiedene Zuhörer, dass es keine entsprechende Literatur in portugiesischer Sprache gebe. Aufgrund dieser Anregung wurde eine portugiesische Ausgabe der kleinen Schrift »Medien und Gewalt« geplant[1] und es gelang tatsächlich, das Büchlein rechtzeitig zu dem Internationalen Kongress der Alliance for Childhood, Mitte Juli 2007 in São Paulo, heraus zu bringen. Zugleich wurden im Verlauf der Publizierungsarbeiten interessante Kontakte geknüpft, zum Beispiel zu der Waldorflehrerin Ute Craemer, deren sozialpädagogische Arbeit in der favela Monte Azul  international anerkannt ist.

Es wurde verabredet, dass uns der für Herbst 2008 geplante Brasilienbesuch auch nach São Paulo führen solle, zumal großes Interesse an einer fundierten Veranstaltung zur Medienwirksamkeit in den verschiedenen Lebensphasen bestand.

Glücklicherweise klappte die – zunächst schwierige – terminliche Koordination so gut, dass der allmonatliche Fortbildungstag für die über 200 Mitarbeiter des Gemeinschaftsvereins Monte Azul genau in die Zeit fiel, die für São Paulo vorgesehen war. So konnte ein ganzer Nachmittag lang mit über 70 Menschen über das gewünschte Thema intensiv gearbeitet werden. Gekommen waren alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im pädagogischen Bereich tätig sind, sowie etliche der vielen Freiwilligen, die über die Freunde der Erziehungskunst und andere Entsendeorganisationen nach Monte Azul vermittelt wurden.

 

Bedenkt man, dass es gerade das große Ziel in der Associação Comunitária Monte Azul ist, die Kinder und Jugendlichen so zu erziehen, dass sie durch aktive Teilnahme an ihrem Werdegang zunehmend lernen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, um selbst unter Armutsbedingungen ein menschenwürdiges Leben in Verantwortung für Umwelt und Gemeinschaft zu führen[2], dann wird deutlich, dass ein Medium, das zu körperlicher und geistiger Unbeweglichkeit und generell zu Passivität und Weltflucht verführt, dem Erreichen dieses Zieles abträglich ist. Bei der Veranstaltung war zu spüren, dass die Anwesenden, die insgesamt über 1.200 Kinder und Jugendliche betreuen, - sei es in Krabbelstuben und Kindergärten, sei es in den schulbegleitenden Kinder- und Jugendgruppen oder in den berufsausbildenden Werkstätten -  bereit waren, die für viele von ihnen neuen Sichtweisen und Denkanstöße aufzugreifen.

 

Die Fruchtbarkeit des in Monte Azul von Anfang an verfolgten Entwicklungs- und Selbstaktivierungskonzeptes erweist sich u. a. darin, dass von den damaligen Kindern, die als erste betreut wurden, viele sich jetzt in die Vereinsarbeit einbringen, zum Beispiel als Erzieher. 60 % der festen Mitarbeiter kommen aus den favelas. In den Werkstätten werden nicht nur Ausbildungsmöglichkeiten für die Heranwachsenden geschaffen. Die ganze favela profitiert von den Produkten. Wenn ich lese, dass in dem etwa 300.000 Einwohner zählendem Nachbarviertel Jardím Ângela 2001 auf je 100.000 Menschen 277 Morde kamen[3] und dass die Mordopfer – wie oft auch die Mörder – überwiegend Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren sind, dann hat so eine Bäckerei oder Nähwerkstatt, wo die Jugendlichen in Gemeinschaft lernen, menschliche Grundbedürfnisse zu befriedigen, also dem Leben zu dienen, etwas sehr Anrührendes und ungemein Tröstliches.

 

Wie wichtig Bildung und Eigenverantwortung für eine nachhaltige Entwicklung sind, haben auch die Betreiber des in Rio de Janeiro gestarteten Sanierungsprogramms Favela Bairro erkannt. Zunächst hatten sie nur die – dringend nötige – Sanierung des Sanitärsystems und weitere technische Maßnahmen im Blick. Doch erst als die Schaffung sozialer Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen in das Programm integriert und Maßnahmen zur Einkommens- und Beschäftigungsförderung ergriffen wurden sowie eine stärkere Einbeziehung den Favela-Bewohnern Mitgestaltungsmöglichkeiten eröffnete, entwickelte sich das Programm zum Erfolg.[4]

 

Das Konzept von Monte Azul ist inzwischen weltweit bekannt und gilt vielen Orten als Vorbild – so auch in Salvador da Bahia. Gegen Ende meiner Brasilienreise hatte ich Gelegenheit, ein paar Tage mit den Menschen des Projeto Salva Dor, am Rande des Armenviertels São Lázaro im Stadtteil Ondina, Salvador, zu verleben. Das Projekt, das – wie so viele – mit künstlerischer Arbeit für Favela-Kinder im Privathaus einer engagierten Waldorfpädagogin, Fabiana Naka, begann, wird demnächst 10 Jahre alt.

Der die Träger des Projekts beseelende Idealismus zeigt Ähnlichkeiten mit dem Vorbild, genauso aber die Schwierigkeiten, die immer wieder überwunden werden wollen. Das vor einigen Jahren erbaute eigene Haus kann die in vier Gruppen betreuten etwa 50 Kinder zwischen 2 und 9 Jahren kaum fassen. Für 10- bis 14-Jährige steht nur zweimal wöchentlich ein Raum in der Gemeinde zur Verfügung. Dabei sind Jugendliche dieses Alters ganz besonders gefährdet und brauchen dringend Stütze und Orientierung, damit sie nicht in den Sog von Gewalt, Geld und anderen Verführungen geraten. Wenn es nach der Nachfrage ginge, müssten weitere Gruppen angeboten werden. Doch das Projekt platzt aus allen Nähten. So ist die gegenwärtig drängendste Frage: Wie schaffen wir neuen Raum? Verhandlungen mit der Stadt, die das Projekt als gemeinnützige Organisation mit sozialpädagogischem Ziel anerkennt, sind im Gange.

Die waldorfpädagogische Aus- und Weiterbildung der auch hier vielfach aus dem Viertel selbst stammenden Mitarbeiter stellt ein weiteres, immer aktuelles Problem dar. Das Projekt übernimmt zwar die Reisekosten (das Gehalt von 500,-- R$ [ca. 185,-- ¤] für eine Ganztagsstelle reicht oft nicht für die Miete – selbst in den armseligen Behausungen von São Lázaro), doch die nächtlichen, vielstündigen Busreisen zum Seminarort und zurück (zwischen zwei vollen Arbeitswochen) müssen die Erzieherinnen selber verkraften. Um so verständlicher sind die Bemühungen, eigene Aus- und Fortbildungsangebote aufzubauen.[5] Zugleich ist die Notwendigkeit eines Gesundheitszentrums offensichtlich. Dies wurde mir drastisch vor Augen geführt, als ich auf eine etwa 60-jährige Bewohnerin von São Lázaro traf, die an Diabetes erkrankt war und kaum noch hört und fast erblindet ist, weil ihr zu spät die für ihre Krankheit notwendigen Medikamente zuteil wurden.

 

Von all diesen existenziellen Fragen habe ich als Besucherin zunächst nichts gespürt. Die Kinder, natürlich neugierig, strahlten mich an. Sie erleben in ihren Gruppen das, was für ihre Entwicklung richtig ist: Spiele, Rhythmus, und liebevolle Zuwendung im ersten Jahrsiebt, für die 6- bis 7-jährigen auch schulvorbereitende Übungen und im 2. Jahrsiebt künstlerische und schulergänzende Aktivitäten sowie Erkundungen in der eigenen Stadt.

Für die ganztägig betreuten Kleinen gibt es mindestens eine gesunde, vollwertige und warme Mahlzeit, die die Köchin in ihrer winzigen Küche zaubert. Als weitere Maßnahme für die Gesunderhaltung kommt einmal die Woche eine Allgemeinmedizinerin zur Beratung ins Projekt. Ein weiteres Anliegen für die Mitarbeiter des Projeto Salva Dor ist es, die Eltern und überhaupt die etwa 2.000 Bewohner von São Lázaro einzubeziehen, sei es innerhalb der Vorstandsarbeit, sei es anlässlich von Festen. Durch diese Öffnung strahlt der von der Waldorfpädagogik genährte Kulturimpuls in die Gesellschaft hinein.[6]

Dass in Brasilien eine große Offenheit für diesen Kulturimpuls besteht, konnte ich vielfältig während unserer Reise beobachten. Ob es sich um ein grandioses 8-Klass-Spiel mit vielen tänzerischen und musikalischen Einlagen an der ersten brasilianischen Waldorfschule in São Paulo handelt oder um eine Eurythmieaufführung in einem weniger privilegierten Zentrum für Kultur- und Jugendarbeit im Süden dieser Stadt – der Sinn für Künstlerisches scheint allgegenwärtig. Beeindruckend ist auch, wie viele Klein- und Kleinstinitiativen wie Pilze aus der Erde schießen. So gibt es zum Beispiel im Landesinnern von Bahia, in dem kleinen, sehr touristischen Ort Lençois einen Kindergarten, der zunächst von vier Müttern kleiner Kinder quasi für den Eigenbedarf gegründet wurde. Ein bis zwei Jahre später waren bereits eine angehende Waldorfpädagogin und eine weitere Erzieherin zur Stelle und hatten gerade mit 14 Kindern ein frisch angemietetes großes Haus bezogen mit der Perspektive, Förderer zu finden, damit möglichst viele Kinder aus dem Ort, deren Eltern den monatlichen Beitrag von 135 R$ (ca. 50 ¤, entspricht etwa einem Drittel des weit verbreiteten monatlichen Mindestlohns) nicht aufbringen können, eine Stabilisierung und Orientierung bekommen, damit sie nicht schutzlos den vielfältigen Verführungen, die der Tourismus mit sich bringt, ausgeliefert sind. Etwa 20 Kilometer weiter gibt es einen weiteren Kindergarten, für den die Waldorfpädagogik Erziehungsideal ist – insgesamt elf Institutionen im Bundesstaat Bahia, die an der letztjährigen Tagung der Waldorfkindergärten in Salvador teilnahmen.

 

Begeisterung, Fortbildungshunger und vielfältige Notsituationen sind wesentliche Charakteristika dieser Initiativen. Und noch ein Gemeinsames haben die hier angeführten Projekte: Sie alle sind bemüht, den in Armut lebenden Menschen ein im umfassenden Sinne zukunftsfähiges Leben zu ermöglichen. Durch Bildung, Erziehung, Gesundheitspflege und Kulturarbeit soll genau das erreicht werden, was durch die 2005 ausgerufene UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ angestrebt wird.



[1] Buddemeier, Heinz (2006): Medien und Gewalt – Wie und warum wirken Gewaltdarstellungen? Heidelberg: Menon. Ders. (2007): Mídia e Violência: como as cenas de violência atuam, e por quê? SãoPaulo: Antroposófica, Aliança Pela Infância.

[2] Selbstdarstellung des Vereins: www.monteazul.org.br. - Über Anfänge, Impulse und erste Erfolge dieser Arbeit berichten Ute Craemer und andere in: Favela Monte Azul – Hoffnungen, Ziele, Erfahrungen. Sozialarbeit in São Paulo (1987) und Favela-Kinder – Sozialarbeit am Rande der Gesellschaft. Brasilianisches Tagebuch (1981). Beide Bücher erschienen im Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart.

[3] Pauschinger, Dennis: „Monte Azul – Licht im Schatten von São Paulo“. In: Tópicos 2/2008, S. 47. (http://www.topicos.net/fileadmin/pdf/2008/2/pauschinger-monteazul.pdf ) Tópicos ist die etwa vierteljährlich erscheinende Zeitschrift der Deutsch-Brasilianischen Gesellschaft.

[4] Dietz, Jürgen: „Favela-Sanierung in Rio de Janeiro – Aufwertung ganzer Stadtteile“. In: Tópicos 3/2001, S. 17. (http://www.topicos.net/fileadmin/pdf/2001/3/Favela_Sanierung.pdf )

 

[5] Reguläre Waldorfausbildungen gibt es zurzeit an weit entfernten Orten. Dagegen gibt es in Salvador gelegentliche Gastkurse zur Waldorfpädagogik (mit eigens angereisten Dozenten). Über einen solchen Kurs, insbesondere zur Wirkung der Medien in den verschiedenen Jahrsiebten, sind wir für 2010 im Gespräch.

[6] Weitere Informationen zum Projeto Salva Dor gibt es (auf Portugiesisch) unter www.projetosalvador.org.br oder über die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners, die diesem Projekt einen Rundbrief (Brasilien 3/2007) und einen Spendenaufruf (10/2008) widmeten.


 
 



 


Berichte über die 7. Fachtagung

 (30./31. Mai 2008)

Waldorfpädagogik im Dialog

Bericht aus der Schweiz

Rundbrief der „Freien Pädagogischen Vereinigung“, Bern, die seit fast 70 Jahren Waldorfpädagogik in den staatlichen Schweizer Schulen fördert

 

RUNDBRIEF FPV 76 / Michaeli 2008 11

 

 

Wenn alles möglich wäre...

 

Tagung „Wege zur Erneuerung von Schule“ 

Von Ruth Bigler

 

 

Am Freitag, 30. Mai reiste ich nach Bremen. Es war sommerlich heiss, was mich erstaunte,denn ich hatte mir vorgestellt, dass es hier im Norden eher kühl sein würde. 

Bremen? Bremer Stadtmusikanten, mehr wusste ich nicht. 

Auf Einladung von Barbara Buddemeier nahm ich als Vertreterin der FPV an der Tagung „Wege zur Erneuerung von Schule“  teil, die vom Verein „Freie Initiative Waldorfpädagogik im Dialog“[1] in Bremen veranstaltet wurde.

Der Vorstand unterstützte die Reise und die Schulleitung gewährte mir Urlaub.

Als Vorbereitung auf die Tagung hatte ich das Buch “ Waldorfpädagogik in der staatlichen Grundschule“ von Prof. Heinz Buddemeier gelesen.[2] Darin wurden die Erfahrungen eines Schulbegleitprojektes der Uni Bremen geschildert und kommentiert (siehe Kasten, unten).

Als ich nun nach Bremen reiste, war ich gespannt, welche Ideen zur Erneuerung von Schule entwickelt würden.

Besonders interessant fand ich die Struktur der Tagung: An Stelle von Referaten und Workshops sollte es am Freitag drei Gesprächsgruppen, bestehend aus Teilnehmenden und geladenen Gästen, geben, während für den Samstag in einer Zukunftswerkstatt die Visualisierung der Schule von morgen geplant war.

Die 10 geladenen Gäste hatten alle einen reformpädagogischen Hintergrund: Freinet,
Gestaltpädagogik, Laborschule Bielefeld und Waldorfpädagogik an staatlichen Schulen.

Rund 40 Menschen, darunter erfreulich viele Studierende, besuchten die Tagung. 

In den Gruppengesprächen und im anschliessenden Plenum am Freitag kam vorerst ein Sammelsurium an Nöten, Kritik und Anregungen zusammen.

So wurde kritisiert, dass wegen der Vergleichsarbeiten wenig Zeit und Möglichkeiten für künstlerische Projekte bleibt. Es wurde gefordert, dass Waldorfpädagogik mit erziehungswissenschaftlichen Ausdrücken und Elementen begründet werden muss, weil man nicht von den Eltern und LehrerkollegInnen erwarten kann, dass sie sich mit
Geisteswissenschaft beschäftigen. Die Bildungsgutscheine wurden von einem Teilnehmer als Lösung der Probleme gesehen und das Schulwesen wurde als „postfeudale
Struktur mit industrialisierten Inhalten“ kritisiert.

Allmählich entstand im Plenum die Überzeugung, dass man Bündnisse mit den Engagierten eingehen soll, dass Freiräume immer noch bestehen und mutig genutzt werden können. 

Unter Anleitung des Gestaltpädagogen Prof. Olaf A. Burow visualisierten wir am Samstag in einer Zukunftswerkstatt die ideale Schule des Jahres 2015.

Die Zukunftswerkstatt wurde vom Philosophen Robert Jungk als Mittel entwickelt, um „die Zukunft zu erfinden“.„Wie würden wir es einrichten, wenn alles möglich wäre?“ ist die Ausgangsfrage.[3] Robert Jungk ging davon aus, dass das Wissen für die Lösung eines Problems vorhanden ist, dass man aber diese „Weisheit der Vielen“ organisieren, in eine Form bringen müsse.

Als erstes sollte sich jede/r an ein besonders positives Erlebnis in der Schule erinnern. In Kleingruppen erzählte man sich diese Erlebnisse in Kurzfassung. Jede Gruppe wählte dann das prägnanteste Erlebnis aus und erzählte es im Plenum.

So entstand eine Fülle von Gelungenem, die bereits sichtbar machte, welche Werte mit der idealen Schule verbunden sind.

In der anschliessenden Visionsphase machte sich jede/r in einer geleiteten„Zeitreise“ ein Bild seiner idealen Schulsituation im Jahr 2015.

Wieder traf man sich in Kleingruppen und erzählte sich die entstandenen Visionen. Das Gemeinsame wurde herausgeschält und im Plenum dargestellt.

Hier eine kleine Auswahl davon:

• Die Behörden stellen Räume und Geld zur Verfügung, lassen aber die  Rahmenbedingungen sehr offen.

• Die Schulleitung versteht sich als Coach, der die Potentiale und Ressourcen der LehrerInnen einbezieht und fruchtbar macht.

• Schule ist Begegnung von Mensch zu Mensch.

• Lehrkräfte haben räumliche, zeitliche und organisatorische Freiräume für ihren Unterricht.

• SchülerInnen der unteren Schuljahre haben viel Bewegungs- und Erlebnismöglichkeiten, jene der oberen Schuljahre können auch eigene Interessen selbständig bearbeiten.

• Im Mittelpunkt steht der Mensch, sein Bedürfnis nach Kohärenz, nach Entwicklung und nach Verwirklichung eigener Ideen. 

Gemeinsam überlegte man als nächstes, was schon Realität ist und was man in seinem Umfeld realisieren möchte. Jeder formulierte für sich den konkreten nächsten Schritt. 

Die Arbeit der Zukunftswerkstatt war sehr intensiv. Fast vergassen wir das Mittagessen und nur knapp wurden wir auf den festgesetzten Zeitpunkt fertig. 

Begeisterung für all die Möglichkeiten lag im Raum. Wenn jeder Anwesende von dieser Begeisterung etwas in seinen Schul-Alltag mitnehmen kann und den ersten Schritt tut, hat die Tagung tatsächlich etwas zur Erneuerung von Schule beigetragen. 

Mich selber beschäftigt seit der Rückreise folgende Frage: Was brauchen die Lehrkräfte, damit sie den Mut und die Kraft haben, die (noch) bestehenden Freiräume zu nutzen? Wie erreichen wir jene, die dies wollen? 

Ich habe keine eindeutige Antwort darauf, hoffe aber, dass sich im Gespräch mit KollegInnen, auch an Veranstaltungen der FPV, immer wieder Hinweise und Anregungen dafür finden werden.

 

Und die Bremer Stadtmusikanten? Ja, ich habe sie gesehen. Am Bahnhof stehen sie, einer auf dem anderen, und schauen in das Treiben der Menschen.

Bremen ist eine schöne Stadt, das habe ich auf der Fahrt mit dem Tram an die Uni festgestellt. Ich werde gelegentlich wieder kommen und mir diesmal mehr Zeit für Bremen nehmen. 

 

Schulbegleitforschungsprojekt der Uni Bremen
 

An der Uni Bremen wurde 1998 bis2002 ein Schulbegleitforschungsprojekt „Waldorfpädagogik in der staatlichen Grundschule“ von Prof. Buddemeier durchgeführt (siehe Anm.2).

Dieses war von der Bremer Schulbehörde angeregt worden. Die drei beteiligten

Klassenlehrerinnen machten das, was bei uns seit vielen Jahren unzählige Lehrkräfte gemacht haben: Elemente der Waldorfpädagogik in ihren Unterricht einbauen. Je nach Stand ihres eigenen Wissens und abhängig von den Gegebenheiten ihrer Schulsituation setzten sie mehr oder weniger Waldorf-Elemente in ihrem Unterricht ein, wie es unzählige Lehrkräfte der FPV seit vielen Jahrzehnten tun. Nicht alle beteiligten Lehrerinnen konnten das Projekt zu Ende führen. Der einen wurde die Klasse weggenommen - aus organisatorischen Gründen, eine andere bekam viel weniger Klassenlehrerstunden, so dass ein Epochenunterricht nicht mehr möglich war (Fachlehrerunterricht schon in der 3. Klasse). Zwar konnte keine Evaluation durchgeführt werden, die wissenschaftlichen Kriterien genügt, weil Zeit und finanzielle Mittel fehlten! Doch war man sich „unevaluiert“ einig, dass es durchaus möglich ist, im Unterricht in der Staatsschule mit Waldorfelementen zu arbeiten, wenn gewisse Rahmenbedingungen erfüllt sind.




[1] www.freie-initiative-waldorf.de

[2] Heinz Buddemeier/Peter Schneider: Waldorfpädagogik und staatliche Schule- Erfahrungen, Grundlagen, Projekte; Verlag Mayer, Berlin 2005.

[3] www.art-coaching.org

 

Und hier folgen weitere Berichte:

Zu ihrer Tagung „Wege zur Erneuerung von Schule“ lockte uns Ende Mai die
„Freie Initiative - Waldorfpädagogik im Dialog e.V.“ (vormals: „Freie Initiative – Waldorfpädagogik an staatlichen Schulen e.V.“) an die Uni nach Bremen.
Teilnehmende waren Pädagogikprofessoren (teils von der Freinet-Bewegung), Gestalt­pädagogen, Lehrer aller Schularten, Studierende und auch Menschen wie wir, denen eine der Zukunft und den Kindern gerechte Schulentwicklung am Herzen liegt.
In der Einladung hieß es:“...Verhältnisse zu schaffen, die jeder Schülerin/jedem Schüler die Chance geben, die mitgebrachten Potentiale im handwerklich-beruflichen, künstleri­schen, intellektuellen und im sozialen Bereich nicht nur zu pflegen, sondern auch selbst­schöpferisch zu entwickeln."
Bremer Waldorflehrer brachten uns zu Anfang mittels Formenzeichnen oder Rhythmen­üben – für manche neu und überraschend – glänzend in das „Selbst-Tun“ hinein. In den anschließenden Gesprächsrunden anhand einiger vorgegebener Fragen ergaben sich als erste Ansätze zur Überwindung der gegenwärtigen Misere u.a. folgende Wünsche:
  • Eine Forschungsstelle für Reformpädagogik schaffen; 
  • Eine Vielfalt von Schulen, wie ein Mischwald; keine Monokulturen entstehen lassen. Einrichtung freier öffentlicher Schulen, selbst verwaltet aber vom Staat finanziert.
  • Fragen nach dem Menschenbild; wollen wir die Förderung der Persönlichkeit
    des Kindes? Und wie wecken wir das Interesse am anderen und an der Welt?
    Menschenkunde als allgemeine Grundlage für Schulen 
  • Projekte mit anderen Berufen gestalten.
  • Übungsmöglichkeiten für Lehrer, um sich selber zu stärken um nicht „ausgebrannt“
    zu werden (Motto: Dem Schüler geht es gut, wenn es dem Lehrer gut geht“) Wie kommt wieder Energie in die Schule?
  • Die Gegenwart nicht der Zukunft opfern (Das Recht auf Kindheit heute!)
  • Lust am Selber-Tun wecken und nutzen (z.B. die eigene Schule putzen oder renovieren), siehe auch Reinhard Kahls „Zukunftsarche: Was können Kinder?“.
Am nächsten Tag wurde eine „Zukunftswerkstatt“ geleitet von dem Gestalt­pädagogen Prof. Dr. Olaf-Axel Burow, Uni Kassel. Verblüffend war, mit welchen Einfällen er uns motivierte, selber Visionen zu entwickeln. Er arbeitete mit uns nach seiner Theorie des „kreativen Feldes“, die Ansätze des Zukunftsforschers Robert Jungk weiterführt und sich auf die „Weisheit der Vielen“ stützt. Letztere sind meist klüger als die Experten, wis­sen, worauf es ankommt und entwickeln nicht nur gute Ideen, sondern beginnen auch damit, sie im eigenen kleinen Bereich umzusetzen. (Friedens- und Ökologiebewegung, etc.)
Um eine Vision von Schule zu bekommen, war besonders spannend und fruchtend die Anregung, sich selber auf eine besonders gelungene Situation – als Lehrer oder Schüler – zu besinnen und diese dann auf einem vorbereiteten Blatt als Symbol zu skizzieren, als Wort oder Motto zu benennen und zu beschreiben.
Danach sah man sich im Raum nach einer ähnlichen Gestaltung um und fand sich in entsprechenden Gruppen zusam­men, um gemeinsam eines der Beispiele für die Vorstellung im Plenum auszuwählen.  

Olaf-Axel Burow fasste zusammen, dass wir ja alle wissen, wie gute Schule funktioniert. Und: Lernen sei nur möglich, wenn ein Kohärenzgefühl entsteht, d.h. es kommt auf die Beziehung zwischen den Lehrenden und Lernenden an und am besten kann man
 von­einander lernen.

Danach wurden wir auf eine Zeitreise in das Jahr 2015 geschickt und sollten unsere individuellen Visionen von Schule in Bild, Wort und Aktion gestalten. Aus der Vielzahl der Visionen greifen wir 2 Beispiele heraus:

Beispiel: Ein Student aus El Salvador – jetzt Alanus-Hoch­schule – erinnerte an ein Schulfest, wo die Jungen und Mädchen aus seiner Klasse durch Rollentausch viel Spaß und Erfolg hatten und im Freiraum der eigenen Gestaltung „erblühten“.


Olaf-Axel Burow fasste zusammen, dass wir ja alle wissen, wie gute Schule funktioniert. Und: Lernen sei nur möglich, wenn ein Kohärenzgefühl entsteht, d.h. es kommt auf die Beziehung zwischen den Lehrenden und Lernenden an und am besten kann man von­einander lernen.
Danach wurden wir auf eine Zeitreise in das Jahr 2015 geschickt und sollten unsere individuellen Visionen von Schule in Bild, Wort und Aktion gestalten. Aus der Vielzahl der Visionen greifen wir 2 Beispiele heraus:

Schüler verändern diese „Kiste“ indem sie
den Lernraum selber gestalten, u.a. durch Kooperation mit Außenstehenden (in diesem Fall zum Beispiel mit der Uni Bremen). 

Die Schule ist offen - von und nach außen – und bietet doch nach innen geschützte Räume. Die Schüler bewegen sich aus eigenem Antrieb zwischen den verschiedenen Lern- und Experimentier- Zentren hin und her und werden von Lehrern, fortgeschrittenen Schülern und auch Eltern beraten und begleitet, wenn sie dies wünschen. Beginn und Ende des Schultages finden in großen gemeinsamen Kreisen mit rhythmischen und musikalischen Übungen statt.



Wieder fanden wir uns danach in Gruppen mit ähnliche Symbolen zusammen, um jeweils gemeinsam eine geeignete Darstellung für den ganzen Kreis zu finden. 

Übereinstimmend kam vor, dass Schule als einerseits Schutzraum für die Kinder und andererseits kultureller Lernort sich öffnen sollte für den Austausch, dass man aber keine „Verregelung“ von Behörden gebrauchen kann. Das gipfelte in der Aufforderung, die Kultusministerien abzuschaffen und das gesparte Geld den Schulen zu geben.

In der abschließenden Runde konnte jeder Teilnehmende sagen, was er von dieser Tagung mitnehme. Da kam häufig ein Lob (von Seiten der Staatsschullehrer) für die überraschenden Erfahrungen mit den Übungen aus der Waldorfpädagogik  und für die Visionen, die (besonders die jungen Studierenden) beflügelten. Allgemein gewünscht wurden Bündnisse mit anderen engagierten Menschen.

Einen großen Dank gab es vor allem an Frau Barbara Buddemeier für die gute Organi­sation und an Herrn Prof. Heinz Buddemeier, der sich die Schule so wünscht, dass sie die Kinder weglockt vom Medienmissbrauch (da ist er ja Fachmann!), indem sie ein kultureller Lernort wird, an dem jeder gern sein mag.

Die anfangs gestellten Wünsche bekamen etwas mehr Schwung zur Umsetzung und zu der Hoffung, dass Visionen wahr werden können, wenn man sich traut, auch mit kleinen Schritten zu beginnen.

L. und M. Kutter
 (Förderverein für Waldorfpädagogik an der Rudolf Steiner Schule
Hamburg-Wandsbek e. V.)

Es folgen Auszüge aus Berichten von Studierenden der Universitäten Bremen und Paderborn und der  Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn:

Die Tagung „Wege zur Erneuerung von Schule“ war für mich Inspiration. Als Teil einer Horde von Studenten, die in den Genuss der Lehrerausbildung des Bachelor-Systems kommen, das es sich zum Ziel gemacht hat, möglichst viele Studenten möglichst schnell und unproblematisch durch die Ausbildung zu „schieben“ ist einem Inspiration selten vergönnt. Dass in einem solchen System die Qualität der Ausbildung „baden“ geht, ist ein unschöner Nebeneffekt, der aber weiter niemanden zu stören scheint, zumindest nicht die Repräsentanten der Hochschul-Politik. Wie kann also von einer Überwindung der Schulmisere die Rede sein, wenn angehende Lehrer eine derart miserable Ausbildung bekommen? […]
Woher kriegen Lehrer die Impulse? Vielleicht aus dem Menschenbild, das sie haben. Vielleicht aus dem Interesse an der Individualität jedes einzelnen Schülers, aus Beziehungen, die zu Kollegen und Schülern oder auch zu Eltern aufgebaut werden. Dieses gegenseitige Interesse kann natürlicherweise nur erwachsen, wenn Individualität bewahrt wird, wenn jedem Beteiligten die Möglichkeit gegeben wird, sich nach eigenen Fähigkeiten einzusetzen und zu beteiligen. Wenn nun aber – um auf die Lehrerausbildung zurückzukommen – Lehrer durch eine einseitige Ausbildung standardisiert werden und somit ein Normprogramm durchlaufen, das die Bildung der eigenen Persönlichkeit und eigener Interessen nicht nur nicht fördert, sondern sogar unterdrückt, dann werden sie selber kaum in der Lage sein, Quelle inspirierter und inspirierender Individualität zu sein. […]
Die Frage ist also, wie man im gegebenen Schulsystem Freiräume schaffen kann. Was ist also dran, wenn Lehrer über die „schrille“ Schulklingel jammern, (die die Arbeit jäh unterbricht um dem Lehrer und den Schülern ein nun völlig anderes Thema der nächsten Stunde anzukündigen) oder die vielen Klassenarbeiten verteufeln, die ständig geschrieben werden müssen. Die „Jammernden“ haben dann mal nachgeschaut und festgestellt, dass die Notwendigkeit der Pausenklingel sowie das Schreiben von Klassenarbeiten (über die drei Hauptfächer hinaus) nirgends vorgeschrieben ist; es obliegt der Schulleitung, das Schulkonzept zu entscheiden und einzurichten. Entscheidet eine Schule sich für die Abschaffung der Klingel, oder der Lehrer für die Abschaffung von Klassenarbeiten, dann wird dem niemand im Wege stehen. Freiräume befinden sich oft da, wo sie nicht geahnt werden, oder um es mit den Worten Burows zu sagen: „Unter dem Pflaster ist der Strand“. Gründe für dieses Gefühl der Eingeengtheit und die oft empfundene Gefangenschaft der Lehrer können somit auch gut in einem „vorauseilenden Gehorsam“ oder in „mangelnder Fantasie“ liegen. „Wenn man will, dann kann man!“ würde überspitzt das Motto lauten. Eine Grundschule in Eitorf beispielsweise, einem Ort im Rhein-Sieg-Kreis, hat ihr Konzept vollständig umgekrempelt und somit Dinge wie die Verlagerung des Unterrichts nach „draußen“ und in die umliegende Natur, das Aufbrechen des Klassenverbandes zugunsten heterogener Schulklassen oder die selbstständige Gestaltung der Lernräume möglich gemacht (siehe: www.grundschule-harmonie.de). Wenn man nun genauer hinschaut, dann sieht man überall in der Landschaft kleine Initiativen durch Schulen, die damit versuchen, Lernen sinnvoll und individuell zu gestalten, und den Schulalltag und die Mitglieder nicht „ergrauen“ zu lassen. Wenn also schon von der Bildungspolitik nichts zu erwarten ist, dann müssen Initiativen individuell und „von unten heraus“ entwickelt werden.

Einem Freund von Freinet, der in den vielen Jahren seiner Arbeit durch weit über 80 Länder gereist ist und Schulen besucht hat, ist aufgefallen, dass in jedem Land, über den gesamten Globus verteilt, Schulen und Initiativen ins Leben gerufen werden, die auf einem ganzheitlichen Menschenbild aufbauen, also neben kognitiven auch künstlerische, handwerkliche, soziale und musikalische Elemente in die Ausbildung integrieren. Natürlich haben es all diese Schulen nicht immer leicht, müssen sich an der Bildungspolitik und dem Staat reiben. Aber trotzdem entstehen sie und sind lebhafter Beweis dafür, dass das holistische Menschenbild, das auch Rudolf Steiner vertreten hat, in aller Welt gelebt wird. Diesbezüglich geht es nicht darum, die Waldorfschule zur Massenschule zu machen, was bildungspolitisch auch gar nicht möglich wäre. Es zeigt vielmehr den Wunsch der Menschen nicht nach einer Monokultur, sondern nach einem „Mischwald“ aus Ansätzen und Initiativen, die eine gesunde   Schullandschaft schaffen können. [...]
S. Wordtmann

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[…] Ausgangspunkt der Diskussionen und Gesprächsrunden bildete häufig die gering umgesetzte Schul­ent­wicklung, welche Müdigkeit und Motivationsmangel  der Lehrerinnen und Lehrer zur Folge hat. […]eine Erneuerung und Umgestaltung von Schulen [ist] notwendig. […] Bei der Teil­nahme an einer Zukunftswerkstatt wurden Impulse für eine mögliche Schulentwicklung gegeben, die uns vor der Müdigkeit und dem Mangel an Motivation im Lehrerberuf bewahren soll, sowie die Schü­ler­in­nen und Schüler näher in das Zentrum des Unterrichtsgeschehens stellt. In diesem Zusammenhang bil­dete das Motto „Wenn es dem Lehrer gut geht, geht es auch den Schülern gut!“ einen viel dis­ku­tier­ten Punkt. Aus diesem Impuls heraus gestalteten sich unterschiedlichste Visionen von Schulalltag und Schule der Teilnehmer mit Elementen aus beiden Schulformen (Waldorfschule und staatliche Schule). Aufgrund der breit gefächerten Arbeitsbereiche der Anwesenden und deren un­ter­schied­lichen Vorstellungen entwickelten sich Anregungen für unseren späteren Beruf, wie zum Beispiel in den Bereichen der kreativen Unterrichtsgestaltung, Raum- und Schulgestaltung, Zeitmanagement und dem Versuch auf das Kind individuell einzugehen. Es war interessant zu sehen, dass, obwohl die an Schule und Schulentwicklung interessierten Anwesenden aus unterschiedlichen Berufsfeldern ka­men und unterschiedliche Visionen hatten, sie im Großen und Ganzen doch den gleichen Kerngedanken von einer „neuen“ Schule hegten, der uns alle miteinander verband.
Nach Abschluss der Tagung konnten wir für uns feststellen, dass Schulentwicklung eine Be­frei­ungs­mög­lichkeit von dem monotonen Schulalltag darstellt und sowohl das Kind, als auch den Lehrer in den Mittelpunkt des Unterrichts stellen sollte.

A.L. Hillringhaus und M. Madretzki
                                 
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Durch die Teilnahme an der Zukunftswerkstatt an der Bremer Uni habe ich gemerkt, dass man gemeinsam mit anderen zum wichtigen Mitgestalter für innovative Ideen in der Schule werden und auf Missstände aufmerksam machen kann. Während ich mit anderen aus der Gruppe am Samstagmittag über die gemalten Bilder zur Zukunft der Schule mich austauschte, merkte ich, dass sich die einzelnen Ideen miteinander verbinden und zu einem neuen überraschenden Ideennetz führten. Bemerkenswert war der Beitrag von Dr. Söll mit seiner „Theorie von der Kiste“. […] Zu dieser „Theorie von der Kiste“ gehört auch, dass man sich mit anderen kommunalen Institutionen (Altenheim, Krankenhaus, Kindergarten) vernetzt, indem man in Projekten zusammenarbeitet und beispielsweise Patenschaften zwischen Schülern und älteren Heimbewohnern initiiert. Der Vortrag hat mir auch deshalb so gut gefallen, weil danach geschaut wurde, wie man das Bestehende in der Schule verändern kann. Im Nachhinein merke ich, dass sich bei mir ein Bewusstseinsprozess in Gang gesetzt hat, da mir Tage später noch diverse Bilder von Beteiligten durch den Kopf gingen und neue Fragen auftauchten […].

C. T.

Die Berichte von Lieselotte und Michael Kutter und von Simon Wordtmann sind in gekürzter Form erschienen in der Zeitschrift:

"Erziehungskunst" Heft 11, November 2008, S.1208-1210.

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Bericht über ein Projekt an der Grundschule Lunestedt

(Landkreis Cuxhaven, Niedersachsen)

Vom Korn zum Brot

Eine der schönsten Unterrichtseinheiten der Grundschulzeit ist in der dritten Klasse das Thema  „Vom Korn zum Brot“. Außer einer Behausung (Thema: Hausbau) ist die Nahrung eines der Elementarbedürfnisse des Menschen. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Kinder den langen und mühsamen Prozess bis zum duftenden Brot möglichst hautnah erleben. Da in kaum einer Familie das Brot selber gebacken wird, kennen die Kinder nur Brotlaibe vom Bäcker oder Schnittbrot aus dem Supermarkt. Aber wie viel Arbeit ist bis dahin geleistet worden, wie viele Menschen haben dazu beigetragen, dass das fertige Produkt im Regal liegt! Deshalb setze ich alles daran, in meinen jeweiligen dritten Klassen auf einem Stückchen Land Korn zu säen und die Kinder den gesamten Prozess erfahren zu lassen.

Im Oktober 2005, zu Beginn der dritten Klasse, begannen wir buchstäblich ganz unten, nämlich mit der Untersuchung des Erdbodens. Wir gruben ein tiefes Loch und besahen uns die einzelnen Bodenschichten, Humusschicht, Sandschicht, die Regenwürmer etc. Anschließend fragten wir uns, welche Arbeitsschritte notwendig sind, um aus einem Stück Land einen Acker zu machen. Das Pflügen und Eggen nahm uns dieses Mal der Großvater eines Schülers ab, der ein Stück (ca. 20 x 30 m) seines Weidelandes umzäunte und mit Maschinenhilfe in Ackerland umwandelte. An einem sonnigen Oktobertag säten alle Kinder mit der Hand in gleichmäßigen Schwüngen Roggen aus. Das Schreiten und gleichmäßige Aussäen hatten wir vorher in der Schule unter Zuhilfenahme eines Säerspruches geübt. Nach der Aussaat eggten wir das Korn mit Harken unter. In Abständen besuchten die Kinder das Feld, das Wachstum wurde gemessen und in eine Tabelle eingetragen. Im kalten Frühjahr 2006 wuchs das Getreide nur langsam, doch mit der Schönwetterphase ab Juni erreichte unser Korn zum Schluss eine Höhe von mehr als 1,80 Meter! Bis zum Beginn der Sommerferien war das Korn aber noch nicht reif, so dass wir in die Sommerferien gingen, ohne geerntet haben zu können. Kurz vor dem Wetterumschwung Ende Juli retteten zwei Großväter unsere Ernte, indem sie selber die Sense schwangen, das Korn abernteten, aufstellten und auf einem großen Hänger in Sicherheit brachten. Gleich nach den Sommerferien droschen die Kinder mit dicken Knüppeln, die als Dreschflegel fungierten, auf dem – gefegten – Hof den Berg von Getreide aus. Nach dem Zusammenrechen stellte sich heraus, dass so viele Körner in den Ähren gesteckt hatten, dass ein großer Sack voll wurde. In der darauf folgenden Woche besuchten wir die historische Wassermühle Deelbrügge, wo das gesamte Korn (knapp 50 Kilogramm) gemahlen wurde. Vor lauter Begeisterung naschten die Kinder das Mehl schon aus dem Mehlkasten der Mühle. Beim aufwändigen Zubereiten des Brotteiges mit Hefe und Sauerteig sprang uns eine pensionierte Lehrerin bei, die über viel Erfahrung mit dem Backen von Vollkornbrot verfügt. Mit 37 Kindern und etlichen helfenden Müttern entstanden so über dreißig leckere Brote! Die ganze Schule duftete und natürlich wollte jedes Kind sofort vom noch warmen Brot naschen. Alle Kinder bekamen ein halbes Brot mit nach Hause, um das Ergebnis von so viel Arbeit und Mühe auch der Familie zukommen zu lassen. Wir hatten so viel Brot, dass es sogar noch für ein ausgiebiges Frühstück mit der ganzen Klasse reichte. Eigenes Brot mit Butter – lecker!

Frauke Wöltjen
Grundschule Lunestedt (bis 2000: Freie Waldorfschule Bremen-Sebaldsbrück)
Das Projekt wurde mit zwei 3. bzw. 4. Klassen und ihren Lehrerinnen durchgeführt.